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Was im Leben wirklich wichtig ist

Beeindruckende Inszenierung des Märchenromans "Momo" von Michael Ende in der Aula des SGL — 18.06.2019

Märchenhafte Inszenierung von „Momo“ - Aufführung für Grundschüler in der Aula des SGL

Nach zwei abendlichen Darbietungen des Theaterstücks „Momo“ nach dem Kinderbuchklassiker von Michael Ende hatte die Theater-AG des Sickingengymnasiums auch die umliegenden Grundschulen zu einer Vormittagsvorstellung in die Aula der Schule eingeladen. Den Kindern aus der Landstuhler Grundschule in der Au, der Grundschule Weselberg und der Grundschule Obernheim-Kirchenarnbach, die mit ihren Lehrerinnen und Lehrern gekommen waren, bot sich ein beeindruckendes Theatererlebnis. Die AG-Teilnehmerinnen und -teilnehmer aus den fünften, sechsten und siebten Klassen hatten unter der Leitung ihrer Lehrerinnen Frau Forsch, Frau Krick und Frau Schmidt weder Zeit noch Mühen gescheut, um vor aufwendigem Bühnenbild und mit ausgefeilten Licht- und Toneffekten das Stück zu inszenieren. Auch schauspielerisch war die Aufführung auf hohem Niveau. Marie Wosnitza und Lara Mohorko (in der Vorstellung am Freitag) als Momo und alle Mitwirkenden der Theater-AG überzeugten mit ihrem eindringlichen Spiel.
Nach zwei kurzweiligen Stunden kehrten die Gäste mit großem Respekt vor den „Großen“ an ihre Schulen zurück.

Programm zur Aufführung von "Momo"

Der philosophische Märchenroman "Momo" von Michael Ende

von Achim Jung

Der Jugendroman „Momo“, der 1973 erschienen ist, gilt inzwischen als Klassiker der Jugendliteratur. Sechs Jahre hatte Ende an diesem Werk gearbeitet; es entstand also im Kontext der Studentenrevolte und spiegelt unverkennbar auch gesellschaftskritische Tendenzen dieser Epoche wider. „Momo“ ist zwar, so heißt es auf dem Titelblatt, ein „Märchen-Roman“, doch der Gattungsbegriff „Märchen“ bedeutet hier nicht, dass darin eine verklärte Wirklichkeit dargestellt wird. Die märchenhafte Poetisierung der Realität dient Ende nicht zur Verklärung, sondern zur Kritik und „Komplementierung einer von Verarmung bedrohten Wirklichkeitswahrnehmung“. Die Gattungsbezeichnung „Märchen“ signalisiert die Absicht des Autors, der Wirklichkeit eine „positive Utopie“ entgegenstellen zu wollen. Indem er sein Werk als „Roman“ bezeichnet, weist Ende bewusst darauf hin, dass es sich auch an Erwachsene richtet. Ende lehnt die Unterscheidung zwischen einer Kinder- und einer Erwachsenenliteratur ab. Er will die Kinder und Jugendlichen nicht „für dumm verkaufen“ , will keine 'kindgerechte' Literatur schreiben. Eine solche Literatur wolle die Kinder darüber hinwegtrösten, dass die Erwachsenen die Welt für sie unbewohnbar gemacht hätten, so dass es notwendig werde, eine Kinder- und Jugendliteratur zu erfinden, um als „Reservat für kleine Wilde“ zu dienen. Die „'objektive' Naturwissenschaft“ und eine „sich immer mehr in dürren Abstraktionen verlierende Geisteswissenschaft“ hätten „das Bild der Welt (...) buchstäblich unmenschlich“ gemacht. In der „entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen“ lebten nur noch „Krüppelwesen“. Um die Welt wieder menschlich gestalten zu können, müssten die Erwachsenen lernen, wie die Kinder der Welt mit Phantasie und Kreativität zu begegnen. Denn ein Kind nimmt „Tatsachen“ nicht einfach als solche hin, sondern hinterfragt sie und besitzt auf diese Weise die Macht, sie zu ändern. Ende glaubt, „dass in jedem Menschen, der noch nicht ganz banal, noch nicht ganz unschöpferisch geworden ist, dieses Kind lebt. Ich glaube, dass die großen Philosophen und Denker nichts anderes getan haben als sich die uralten Kinderfragen neu zu stellen: Woher komme ich? Warum bin ich auf der Welt? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens?“ Mit seinem Märchen-Roman „Momo“ regt Ende seine jugendlichen und erwachsenen Leser dazu an, solche „Kinderfragen“ zu stellen, indem er die Realität der rationalisierten Industrie- und Konsumgesellschaft märchenhaft verfremdet und gleichsam aus einer „kindlichen“ Perspektive darstellt. Der Leser wird auf diese Weise dazu veranlasst, sein eigenes Bewusstsein von der Wirklichkeit kritisch zu überprüfen und zu hinterfragen.
Ende kritisiert die Verarmung unseres Wirklichkeitsbewusstseins durch ein ökonomisches und zweckrationales Denken, indem er die Wirklichkeit, die dieses Denken hervorbringt, aus der Perspektive des „Naturkindes“ Momo darstellt.
Den Grund für die Verarmung der Wirklichkeit sieht Ende in einer Veränderung des Zeitbewusstseins in der Epoche der Moderne. Daher steht die Auseinandersetzung mit der existentiellen Bedeutung des Phänomens „Zeit“ im Zentrum des Romans. Dabei bezieht sich Ende offensichtlich auch auf die Philosophie des Zen-Buddhismus, indem er auf verschiedene Weisen positive Zen-Erfahrungen der Selbst- und Zeitvergessenheit als Beispiele für ein gelingendes und erfülltes Leben thematisiert und vergegenwärtigt .
Die Zeitkritik Endes richtet sich gegen das "moderne" Zeitbewusstsein, das dadurch bestimmt ist, dass im Kalkül der Ökonomen und Politiker die Zeit als objektive Tatsache und als Wirtschaftsgut erscheint, das effizient und gewinnbringend eingesetzt werden muss. In Wirklichkeit aber gibt es keine objektive Zeit; sie existiert vielmehr nur im Bewusstsein, denn es ist der menschliche Geist, der mit seinen Vorstellungen von Raum und Zeit die Wirklichkeit erst erschafft. Der Versuch, die Zeit zu planen oder Zeit einzusparen, muss daher fehlschlagen.
Der Mensch, in dessen Bewusstsein die Zeit in Wahrheit alleine existiert, macht sich selbst zum ängstlichen Zeitsparer in einer durch Stress und Zeitdruck bestimmten Umwelt, ohne sich bewusst zu sein, dass er selbst es ist, der dieser ihm unerträglichen Welt zur Existenz verhilft. Aus Angst, sein Leben zu verfehlen, wagt er es nicht mehr, sich Zeit zu lassen, sondern hetzt Zwecken nach, ohne noch Zeit zu finden, über deren Sinn nachzudenken.
Momo unterwirft sich nicht dem zweckrationalen Denken, das durch die grauen Herren verkörpert wird. Sie lebt gewissermaßen in ihrer eigenen Welt als soziale Außenseiterin in einem Amphitheater am Rande einer Stadt. Sie hat immer Zeit für andere. Während die Menschen, die mit ihrer Zeit „ökonomisch“ umgehen, seelisch verkrüppeln und nicht mehr fähig sind, mit anderen zu reden, ist Momo unendlich kommunikationsfähig. Sie kann so gut zuhören, dass sie ihren Gesprächspartnern dadurch hilft, ihre Gedanken zu ordnen. Auf diese Weise kann sie zum Beispiel Streitigkeiten schlichten. Indem Momo den Menschen zuhört, erkennen diese, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist. Sie gibt keine Ratschläge und handelt auch nicht, sondern lässt geschehen. Nicht auf das Handeln kommt es an, sondern auf das Geschehenlassen.
Die grauen Herren personifizieren dagegen den blinden und rastlosen Aktionismus, der durch das zweckhaft rationale Denken hervorgerufen wird. Gleich Vampiren entziehen sie den Menschen das Leben: „Ein mühseliges Geschäft, den Menschen ihre Zeit stunden-, minuten- und sekundenweise abzuzapfen ... denn alle Zeit, die sie einsparen, ist für sie verloren. (...) Und wir (...) saugen euch aus bis auf die Knochen.“ Die grauen Herren stehen für die Lebenseinstellung der Menschen, die Zeit sparen wollen, um später einmal „richtig“ leben zu können. Eigentlich sind sie nichts, 'Hirngespinste', die nur entstehen, weil die Menschen ihnen durch ihr Nützlichkeitsdenken zum Dasein verhelfen. In bildhaft-anschaulicher Weise verdeutlicht Ende mit den grauen Herren die lebensfeindlichen Folgen, die das zweckrationale Denken auf die Welt und die Menschen hat.
Die grauen Herren wirken von den Menschen unbemerkt im Geheimen, was bedeutet, dass letztere sich der Folgen ihres eigenen Denkens nicht bewusst sind. Sie sehen nicht, dass sie selbst eine unmenschliche Wirklichkeit geschaffen haben, unter der sie leiden. Die Außenwelt erscheint ihnen als objektiv real und unveränderbar und ohne Bezug zu ihrem Geist und Bewusstsein. Indem Momo sich weigert, sich dem rationalen Zweckdenken der grauen Herren zu unterwerfen, zeigt sie, dass die Welt nicht so sein muss, wie sie ist, sondern, dass der menschliche Geist sie verändern kann.
Momo ist auf ihre Freunde angewiesen, denen sie zuhört, und die durch ihr Zuhören über sich selbst Klarheit gewinnen. Beppo Straßenkehrer, Gigi Fremdenführer, Nino, Nicola und die Kinder können solange nicht zu Opfern der grauen Herren werden wie Momo ihnen zuhört. Denn Momo veranlasst sie durch ihr Zuhören, über ihr Handeln zu reflektieren, so dass sie ihre Gedanken klar formulieren und so Wahres von Falschem unterscheiden können. Sie deckt auf diese Weise die Irrtümer und Lügen auf, die die Menschen unglücklich machen. Da diese sich immer weniger Zeit nehmen, anderen zuzuhören, gewinnen die grauen Herren mit ihren Vorspiegelungen eines zukünftigen „richtigen“ Lebens immer mehr Kunden für ihre Zeitsparkasse. Ende kritisiert so die Individualisierung und Vereinzelung der modernen Menschen, die über der Jagd nach materiellen Erfolgen keine Zeit mehr finden, darüber nachzudenken, was im Leben wirklich wichtig und wertvoll ist. Der Versuch, die Zeit als 'Wirtschaftsgut' effizient nutzen zu wollen, führt dazu, dass ihr eigentlicher Wert, der in der Einzigartigkeit jedes Augenblicks liegt, vergessen wird. Stattdessen tritt die Zeit den Menschen nun als feindliche Macht entgegen, die sie unter Zeitnot und Stress setzt, oder der sie sich ausgeliefert fühlen, indem sie unter Langeweile leiden, der Erfahrung von leerer Zeit, weil ihnen vor lauter Zeitdruck alles gleichgültig geworden ist.
Ideologien und Revolutionen, die die Gesellschaft verändern könnten, lehnt Ende als Lösungsweg aus dieser Krisensituation der modernen Gesellschaft ab. Dies wird in der Parodie des Marxismus im Märchen vom Tyrannen Marxentius Communus deutlich. Ebensowenig vermag eine metaphysische Macht es, die Menschen von ihrem Leiden an der Zeit zu befreien: Meister Hora teilt ihnen die Zeit nur zu; er kann sie aber nicht vor den Zeitdieben bewahren.
Zwar gibt Momo den Menschen am Schluss des Romans die geraubte Zeit zurück. Doch damit übergibt sie ihnen auch die Verantwortung dafür, was sie mit der zurückgewonnenen Zeit anfangen. Es bleibt am Ende offen, ob die Menschen nicht wieder beginnen, Zeit zu sparen, wodurch sie den grauen Herren erneut zur Existenz verhelfen würden. Daher wird im Nachwort auch nicht gesagt, ob die Geschichte schon geschehen ist oder noch geschehen könnte. Der „rätselhafte Passagier“, der unschwer als Meister Hora zu erkennen ist, sagt dort zu dem fiktiven Verfasser: „Ich habe ihnen das alles erzählt (...), als sei es bereits geschehen. Ich hätte es auch so erzählen können, als geschehe es erst in der Zukunft.“ Dem Leser wird an dieser Stelle bewusst, dass die Menschen vielleicht gerade dabei sind, durch ihr Handeln graue Herren zu erschaffen, und er muss sich fragen, ob er nicht vielleicht selbst schon lange ein Kunde der Zeitsparkasse ist, ohne es bemerkt zu haben.